Direkt zum Hauptbereich

Posts

Hören ohne Musik

Es geschah in einer solchen Nacht, die einen komplett verschlucken kann, wenn man nicht aufpasst – ich war neunundzwanzig Jahre alt und trug so ein Gefühl in mir, dass alles tot ist, dass nichts mehr kommt. Ich zog mir meinen Mantel über und lief durch die Stadt, schaute mir alles an, die Häuser, die Bäume, die Menschen, und das beruhigte mich auf eine unerklärliche Art. Sie stand vor mir am Tresen und zuerst hielt ich sie für ein Kind: die dünnen Arme, Beine, die langen, braunen Haare, eine Tasche mit Blumenmustern um die Schulter; dazu reichte sie mir nicht mal bis zum Kinn – doch als sie sich umdrehte, sah ich ihr in die Augen: Und sie hatten etwas Altes, Gebrochenes – sie waren schwarz und gleichzeitig schimmerten sie grau, und ich fragte mich, ob Augen aus Trauer die Farbe ändern können, so wie manche graue Haare bekommen. Sie hielt in beiden Händen ein Bier und schaute mir ins Gesicht, und ich hasse es, wenn mir Leute ins Gesicht schauen; ich spürte ihren Blick über meine W
Letzte Posts

Wegen der Sache mit den Gaspistolen (Neo-Noir Hörbuch)

» Manchmal denke ich, dass irgendwas nicht mit mir stimmt. Dass ich eigentlich ein anderer sein müsste: Dass es eben doch sowas wie einen großen, göttlichen Plan gibt, ein Schicksal für einen jeden von uns, wenn man so will – und dass ich vor meinem davonrenne, jeden Tag aufs Neue. « Ein gescheiterter Überfall und ein Mädchen voller Wut, Dunkelheit, Sehnsucht und Fernweh  –  als die Sache mit den Gaspistolen schiefgeht, gerät das Leben des heroinsüchtigen Polijak in Schieflage. Julo Drescowitz · Wegen der Sache mit den Gaspistolen (Neo-Noir Hörbuch)   Sprecher: Felix Pielmeier Story: Julo Drescowitz Cover: Jule Hahn

Krysy, Ratten

Vorgestern Ich nehme Anlauf, springe kurz vor der Bettkante ab, lande mit dem Bauch auf der Matratze und schlüpfe unter die Decke meiner Eltern – ich rieche sie, meine Mutter, meinen Vater, und ich bin mir sicher, dass sich das Leben immer so anfühlen wird: warm und weich und leicht. Als ich aufwache, steht meine Mutter vor mir: Sie hat rotblonde Locken und ist für mich die schönste Frau auf dem Planeten. Zum Frühstück gibt es Spiegeleier mit Marmelade, ich und mein Vater lieben das. Während meine Mutter am Herd steht und das Fett aus der Pfanne spritzt, hat sie das Radio aufgedreht, tanzt herum und singt: » Everybody in the whole cell block, was dancin to the jailhouse rock!« Ich versuche mitzumachen, singe: » Elliebodie in barabarock, lalili tschaj rock!« , und sie lacht und ich lache mit, und irgendwann schmerzen unsere Bäuche, so sehr müssen wir lachen. Mein Vater schlurft herein, gähnt und gibt uns beide einen Kuss. Als ich die Marmelade vom Teller lecke, fragt er mich, ob wir

Bleischwer

Dieses Gefühl stieg das erste Mal in ihm auf, als er mit den anderen Vätern unter dem großen, weiß-roten Schirm rechts vom Limonadenwagen stand, auf dem Sommerfest seiner Tochter. Sie war ihm sofort aufgefallen. Sie kam mit den anderen Bewohnern und Pflegern über die kleine Anhöhe heruntergelaufen, die vom Tor und vom Zaun runter zur Spielwiese fiel. Die heiße, helle, brennende Sonne brach auf sie herab, glänzte auf ihren krausigen, dunklen Haaren – und sie lachte. Sie tat nichts, als zu lachen. Ja, wenn er heute rückblickend darüber nachdenkt, dann ist er sich fast sicher, dass es ihr Lachen gewesen war, das dieses Gefühl in ihm ausgelöst hatte. Dieses ehrliche, echte Lachen, mit den weit auseinander gerissenen Lippen, den Sommersprossen, den fröhlich-funkelnden Augen – und dazu ihre humpelnden, ungeschickten Bewegungen, als wolle ihr Körper ihr nicht richtig gehorchen, als sei er ihr gänzlich fremd. Seine Frau holte die gefüllten Paprika aus dem Ofen. Sie war sehr schön, seine Frau

Noah, der Deutsche

1 »D-Die Amerikaner«, sagt Tarek, und blickt vom flackernden Fernsehbildschirm auf, »i-ich will, dass die Amerikaner kommen!« Ständig redet Tarek von den Amerikanern. Dass es das Größte wäre, gegen die Amerikaner zu kämpfen, hier, auf muslimischem Boden. Wir sind nicht mal seit drei Monaten raus aus Deutschland, und trotzdem bin ich fast erschrocken, wie sehr sich Tarek verändert hat. Nichts mehr übrig von dem schüchternen, blassen Jungen, dem neben mir in der Schule der Schweiß ausgebrochen ist, wenn ihn die Lehrerin aufgerufen hat; nichts mehr übrig von dem Counterstrike-Zocker, dem Kiffer, der sich bei jeder Gelegenheit über seinen Vater aufregt, wenn der ihm mal wieder ’ne Standpauke gehalten hat, wenn der ihm mal wieder gesagt hat, dass er doch endlich mal sein Leben auf die Reihe kriegen soll, dass er sich ’ne ordentliche Ausbildung suchen soll und das alles.  Jetzt liegt Tarek neben mir, auf dem Teppichboden, in seinem blauen, arabischen Gewand, mit dem schwarzen Tuch