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Bleischwer

Dieses Gefühl stieg das erste Mal in ihm auf, als er mit den anderen Vätern unter dem großen, weiß-roten Schirm rechts vom Limonadenwagen stand, auf dem Sommerfest seiner Tochter.
Sie war ihm sofort aufgefallen. Sie kam mit den anderen Bewohnern und Pflegern über die kleine Anhöhe heruntergelaufen, die vom Tor und vom Zaun runter zur Spielwiese fiel.
Die heiße, helle, brennende Sonne brach auf sie herab, glänzte auf ihren krausigen, dunklen Haaren – und sie lachte. Sie tat nichts, als zu lachen. Ja, wenn er heute rückblickend darüber nachdenkt, dann ist er sich fast sicher, dass es ihr Lachen gewesen war, das dieses Gefühl in ihm ausgelöst hatte. Dieses ehrliche, echte Lachen, mit den weit auseinander gerissenen Lippen, den Sommersprossen, den fröhlich-funkelnden Augen – und dazu ihre humpelnden, ungeschickten Bewegungen, als wolle ihr Körper ihr nicht richtig gehorchen, als sei er ihr gänzlich fremd.

Seine Frau holte die gefüllten Paprika aus dem Ofen. Sie war sehr schön, seine Frau – da war er sich ganz sicher. Er sah es an den Blicken seiner Kollegen, wenn ihm seine Frau das Mittagessen vorbeibrachte oder wenn sie ihn von der Werkstatt abholte. Er sah es an den Bewegungen der anderen Väter auf dem Sommerfest, wenn sich seine Frau in ihrer Nähe aufhielt – nervös, steif, unsicher, überdreht.
Auch seine Tochter war sehr schön. Sie schien bereits jetzt einzelne Nuancen ihrer Mutter zu übernehmen: die Art, wie sie ihre Arme hob, ihren Blick auf eine Sache fokussierte oder lief. Er sah seiner Tochter gerne dabei zu, wie sie spielte oder rannte oder malte oder schlief. Er liebte sie sehr.

Dieses Gefühl, das die lachende Frau mit den fröhlich-funkelnden Augen in ihm losgetreten hatte, es verschwand nicht. Es nahm nicht ab. Es war wie ein Gift, das sich einmal in die Venen injiziert festsetzte, ausbreitete, alle Organe befiel.
Auf der Arbeit wurde ihm oft schlecht. Einmal übergab er sich auf der Toilette, und der Chef schickte ihn nach Hause. Nachts, nachdem er mit seiner Frau geschlafen hatte und auf der Seite lag, brach er in Schweiß aus. In kalten, fiebrigen Schweiß.

Er sah sie erst Wochen später wieder, als er seine Tochter vom Kindergarten abholte. Sie stand auf der anderen Straßenseite, vor dem Wohnheim, mit einer roten Käppi auf dem Kopf und einem Waffeleis in der Hand. Sie lachte wieder. Sie sah ihn an, über die Straße hinweg, und lachte – und da musste auch er lachen.
»Warte mal hier«, sagte er zu seiner Tochter, und ließ ihre Hand los.
Als er auf der anderen Straßenseite stand, vor ihr, da wusste er nicht, was er sagen sollte. Er kannte sie ja gar nicht.
»Wer bist ’n du?«, fragte sie ihn schließlich, und leckte am Eis.
»Der Thomas«, sagte er – Schweiß brach aus jeder seiner Poren, ihm wurde schwindelig, er schluckte.
»Ich bin die Sabine«, sagte sie, und lächelte. Gelbes, geschmolzenes Eis klebte ihr um den Mund, auf der Nase. Er lächlte zurück. Das Gefühl, das ihn seit Wochen gequält hatte, es wandelte sich nun, legte sich auf ihn, war warm, schwer wie Blei.

Als sie das erste Mal miteinander schliefen, hatten sie sich erst wenige Male getroffen. Er war mit ihr in den Park gegangen, in den Zoo, er hatte ihr Limonade gekauft und jede Menge Vanille-Eis. Sie liebte Vanille-Eis. Wenn sie es aß, lachte sie immer laut auf, und er sah sie gerne an, wenn sie laut auflachte. Das warme, bleischwere Gefühl legte sich jedes Mal von Neuem auf ihn, wenn er sie laut auflachen sah.
Nachdem sie miteinander geschlafen hatten, empfand er zu seinem Erstaunen kein schlechtes Gewissen. Keine Reue. Sie lag neben ihm, in seinem Arm, und schnaufte. Er roch den satten, würzigen, lieblichen Geruch ihres Haares, ihres Körpers. Sie hatten es in ihrem Zimmer getan, sie hatten der Betreuerin gesagt, er sei ihr Cousin. Sie küsste ihn. Er hatte große Angst, dass etwas herauskommen könnte – dass ihn einer der Betreuer ansprechen würde, wenn er auf der anderen Straßenseite seine Tochter abholen käme.
Er sah sie an und sah ihre Schönheit, und er fragte sich, wieso all die anderen sie nicht sehen konnten, ihre Schönheit.

Als er nach Hause gekommen war, sich geduscht, gekämmt und rasiert hatte, setzte er sich an den Küchentisch und begann, die Reste des Auflaufs zu essen, die ihm seine Frau in Alufolie gepackt hatte. Er nahm einen Bissen und fragte sich, ob das, was er getan hatte, verboten war. Er dachte an Schmitti und Gelhüber, seine Kollegen aus der Werkstatt, und mit welchen Blicken sie ihn ansehen würden, wenn sie davon wüssten. Er dachte an seine Frau und an seine Tochter. Oberflächlich fühlte er sich ruhig und ausgeglichen, aber in ihm drin, da war etwas anderes; etwas Angespanntes, Überdrehtes. Das, was er getan hatte, hatte sich richtig angefühlt, aber je mehr er jetzt darüber nachdachte, desto mehr verkam es zu etwas Falschem, Krankem.

Nach dem Essen war ihm übel. Er legte sich ins Bett. Er fiel sofort in tiefe, unruhige Träume.
Dunkelheit. Seine Mutter: über ihm, am Waschbecken; ihre schlanken, knochigen, weißen Finger – ihr graziles Wesen, die Haut wie Schnee, der Dutt streng auf ihrem Hinterkopf. 
Sein Schreien, sein Toben, seine Tränen und sein Flehen, aber die Mutter spült bloß, ihr Gesicht verkrampft, ihre Augen starr fixiert auf Topf und Schwamm.
Und dann Marie, im Nebenzimmer. Ihre warmen schwesterlichen Küsse, ihr lautes Lachen, wenn er auf ihrem Schoß sitzt und sie mit dem Rollstuhl vor und zurück fährt. Ihr Geruch, ihr Gesicht, ihre ungeschickte Zunge, die jedem Wort nachhängt.

Als er aufwachte, saß seine Frau auf der Bettkante.
»Alles klar?«, fragte sie, und schnürte sich die Jogging-Schuhe zu.
»Ja«, sagte er. »Mir war vorhin bloß wieder so ’n bisschen schwindelig.«
Sie nickte, dann ging sie. Draußen stand die Sonne hoch oben im blauen Himmel. Vögel zwitscherten. Kinder spritzten sich im Nachbargarten mit dem Schlauch ab, lachten.
Dieses Gefühl, das sich so bleischwer auf ihn legte – es erdrückte ihn, erstickte ihn, machte ihn wütend, traurig, ohnmächtig.

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