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Krysy, Ratten

Vorgestern
Ich nehme Anlauf, springe kurz vor der Bettkante ab, lande mit dem Bauch auf der Matratze und schlüpfe unter die Decke meiner Eltern – ich rieche sie, meine Mutter, meinen Vater, und ich bin mir sicher, dass sich das Leben immer so anfühlen wird: warm und weich und leicht.
Als ich aufwache, steht meine Mutter vor mir: Sie hat rotblonde Locken und ist für mich die schönste Frau auf dem Planeten. Zum Frühstück gibt es Spiegeleier mit Marmelade, ich und mein Vater lieben das. Während meine Mutter am Herd steht und das Fett aus der Pfanne spritzt, hat sie das Radio aufgedreht, tanzt herum und singt: »Everybody in the whole cell block, was dancin to the jailhouse rock!«
Ich versuche mitzumachen, singe: »Elliebodie in barabarock, lalili tschaj rock!«, und sie lacht und ich lache mit, und irgendwann schmerzen unsere Bäuche, so sehr müssen wir lachen. Mein Vater schlurft herein, gähnt und gibt uns beide einen Kuss. Als ich die Marmelade vom Teller lecke, fragt er mich, ob wir ein bisschen kicken gehen – ich grinse und sage ja.

»Ich werde jetzt nicht mehr so oft daheim sein«, sagt mein Vater, und schießt mir den Ball zu; die Wiese ist taunass und erste Sonnenstrahlen blitzen über die Dächer der Siedlung.
»Wieso nicht?«, frage ich.
»Weil der Papa Häuser bauen muss«, sagt mein Vater, aber das ergibt für mich keinen Sinn. Ich nicke, kicke, renne ein Stück und warte darauf, dass der Pass zurückkommt, aber mein Vater steht mit dem Fuß auf dem Ball, schaut mich an und runzelt die Stirn.
»Aber am Wochenende komme ich wieder«, sagt er.
»Okay«, sage ich, »und kicken wir dann auch mal?«
»Ja«, sagt er, »ja, wir kicken dann auch mal.«

Gestern
»Und die Fabrik ist wirklich was für dich?«, fragt mich meine Mutter. Sie liegt auf dem Sofa unter der Decke; ihr geht es oft sehr schlecht und dann muss sie tagelang herumliegen und schlafen und kotzen. Nachdem ihre rotblonden Locken im Klo lagen, haben sie nicht einmal die Nachbarn mehr erkannt, aber das ist mir egal, für mich ist sie immer noch die schönste Frau auf dem Planeten.
»Ja«, sage ich, und schmiere Butter auf ein paar Brote, »das geht ja bloß noch ein paar Monate, und danach hab ich soviel Geld, dass ich locker drei Semester lang studieren kann.«
»Nimm doch was von mir. Oder von Papa.« Sie schaut mich an und ihre Augen beginnen traurig zu glitzern. Ich schüttle den Kopf, schmeiße die Brote in eine Papiertüte.
»Nee«, sage ich, »ich muss das alleine hinkriegen, du brauchst dein Zeug selber.«
»Und Papa?«, fragt sie nochmal, wir tauschen Blicke aus. Ich schmeiße die Tüte in meinen Rucksack, gebe meiner Mutter einen Kuss auf die Stirn und sage: »Ich komme erst morgen wieder, heute Abend ist die Abifeier.«
Ich hänge mir den Rucksack um die Schulter, gehe aus dem Haus und bin verdammt froh, dass der Scheiß ein Ende hat: Endlich raus aus der Schule. Luke steht mit seiner Rostmühle vor der Tür: Sein Arm hängt aus dem Fenster, er raucht eine Kippe, grinst mich spitzbübisch an und lässt den Motor knurren.

Vorgestern
Es klingelt, Luke steht vor der Tür, er wohnt im Reihenhaus nebenan und ist mein bester Freund – sein richtiger Name ist Lukas, aber Luke klingt cooler: wie unser großes Vorbild Luke Skywalker aus Star Wars, von dem ungefähr fünfzig Poster in meinem Zimmer hängen.
Luke hat immer die verrücktesten Ideen: Neulich haben wir Wasserbomben von der Brücke auf die Schnellstraße geworfen, und als das seine Eltern herausfanden, durfte er vier Wochen lang nicht raus; er musste jeden Tag nach den Hausaufgaben am Klavier sitzen bis es dunkel wurde, und wenn er zu viele Fehler machte, ließ ihn seine Mutter nicht einmal pinkeln gehen – es hat sogar richtig weh getan, im Bauch, hat Luke gesagt. Dabei spielt er eigentlich gar nicht so gut; ich meine, ich war nicht mal im Flötenkurs in der Ersten dabei, aber sogar mir fällt das auf. Zum Beispiel an seinem achten Geburtstag. Da steckte ihn seine Mutter in so einen bescheuerten Kinderanzug und kämmte ihm die Haare nach hinten, und dann sagte sie: »So, Lukas, jetzt zeig deinen Gästen mal, was wir auf dem Klavier geübt haben!«, und Luke wurde furchtbar rot, setzte sich zitternd an den Flügel und krempelte sich die Ärmel hoch. Alle Gäste verstummten und sahen ihm dabei zu, wie er minutenlang dasaß und vor sich hin starrte; irgendwann fing er dann an, wahllos auf Knöpfen herumzudrücken, und sogar mir war klar, dass da kein System dahinter steckte.
»So nicht, Freundchen!«, hatte seine Mutter dann geschrien und ihn weggezerrt. »Solche Faxen werden hier nicht gemacht!«
Jedenfalls ist seine Mutter echt hart – auch, wenn Frau Gräbner ihm schlechte Noten gibt; deswegen lasse ich ihn auch meistens abschreiben, obwohl ich dabei jedes Mal so sehr schwitze, dass mir die Tinte verschmiert.
»Komm mit«, sagt Luke, als er auf der kleinen Treppe vor unserer Haustür steht und so Luke-mäßig herumgrinst. »Beim alten Hübner gibt’s jetzt Überraschungseier.«
»Was?«, sage ich, beuge mich zu ihm hin und flüstere: »Hast du Geld?«
Er schüttelt den Kopf.
»Soll ich mal meine Mutter fr-«
»Nee«, flüstert er zurück, »sonst macht’s ja gar keinen Spaß!«

Der alte Hübner hat ein rundes Gesicht und dicke, rosane Lippen, und als wir hereinkommen, hören wir ihn irgendwo am anderen Ende des Ladens Getränkekisten stapeln. Sein Sohn ist riesig und er trägt die gleiche Frisur wie ein Hahn; er steht an einem Regal, mit dem Rücken zu uns, und füllt Flaschen auf. Wir schleichen uns an die Kasse, zu den Süßigkeiten, Luke geht voraus und ich sehe mich um, mein Herz rast und mir ist schwindelig. Luke zwinkert mir zu und schnappt sich so viele Überraschungseier, wie in seine Hände passen; ich mache es nach, wir sprinten in Richtung Ausgang – als die Schiebetür aufgeht, schreit uns plötzlich diese Stimme hinterher: »Hey! Hey, ihr! Stehen geblieben!«
Wir rennen und rennen und schauen nicht zurück, Luke fällt eine Handvoll Überraschungseier runter, aber das ist egal, meine Beine bewegen sich einfach weiter – und als wir über die Straße rennen, blicke ich kurz über meine Schulter: Der Mann mit dem Hahnenkamm setzt einen Fuß auf die Straße, ein Auto bremst, Reifen quietschen, Hupen – da stürze ich plötzlich; es geht so schnell, alles wird schwarz; und dann ist da bloß noch der blaue Himmel über mir.
»Sag mal, spinnst du?!«, schreit mich der Hahnenkamm-Mann an und schiebt sein Gesicht zwischen mir und dem Himmel. »Das hat ein Nachspiel, Kleiner!«
Ich schaue mich um: Luke ist nirgends.

»Ja«, sagt der Hahnenkamm-Mann, »Süßigkeiten haben sie bei uns geklaut.«
So wie mich meine Mutter anblickt, hat sie mich noch nie angesehen: Sie schaut so wütend aus wie damals, als ich die Porzellanteller bei Oma runtergeschmissen habe, aber gleichzeitig hat sie auch solche Tränen in den Augen, als würde sie gleich losheulen. Ich tupfe mir die Watte an die Stirn, es blutet kaum noch, ein Kloß hängt mir im Hals, ich friere.
»Stimmt das, Sven?«, fragt mich meine Mutter; mir laufen Tränen über die Backen, ich kann nichts dagegen tun. Ich nicke, gehe einen Schritt auf meine Mutter zu und drücke mein Gesicht an ihre Brust.
»War Lukas dabei?«, fragt sie mich. Ich schaue sie an und schüttle den Kopf, einfach, weil ich es nicht mag, wenn Luke so viel Klavierspielen muss.
»Geh in dein Zimmer«, sagt meine Mutter und drückt mich weg von sich. Als ich oben auf der Treppe hocke, höre ich meine Mutter und den jungen Hübner noch lange reden. Irgendwann fangen sie das Lachen an und dann steigt mir Kaffeegerucht in die Nase – das gibt mir Hoffnung, dass die Strafe nicht allzu hart sein wird; vielleicht sagt sie ja meinem Vater nichts davon, wenn er am Wochenende kommt.
Abends höre ich Kieselsteine gegen mein Fenster fliegen. Luke steht unten in seinem Garten und flüstert: »Danke«, ich flüstere: »Schon okay« zurück, binde meine Stiftebox an eine Schnur, werfe sie runter und ziehe sie mit drei Überraschungseiern wieder hoch.

Gestern
Auf dem Parkplatz vor der Abiparty rauche ich mit Luke und Amir eine Tüte; Amir ist ein schlaksiger Araber mit schwarzen, drahtigen Locken und Ray-Ban-Brille, der in unsere Parallelklasse ging. Meine Beine werden schwer und mein Kopf leicht – eine Gruppe Blondinen kommt in unsere Richtung, ich höre das Klacken ihrer Absätze, sie sind einen Jahrgang unter uns und kichern laut. Luke begrüßt alle mit einem Wangenkuss, und so eine Kleine mit dunklen, warmen Augen lächelt mich an, ich lächle zurück, strecke ihr die Hand entgegen und sage: »Hey, bin der Sven«, sie sagt: »Hanna.«
Sie hat knochige Finger und weiche Haut, mein Bauch kribbelt. Ich habe sie schon öfters im Pausenhof gesehen, in der Raucherecke, aber da hat sie mich nie angeschaut. Als sich die Mädchen an den Türstehern vorbeischlängeln, hocken wir auf der Rückbank von Lukes Schrottmühle, Amir formt auf einem Flyer drei weiße Linien und sagt: »Eins-A Stoff, danach könnt ihr die Nacht durchvögeln, ich schwör’s euch, Kollegas.«
Es brennt in meiner Nase, ein bitterer Geschmack sickert mir in den Mund und plötzlich wird alles um mich herum ganz klar: Ich fühle mich groß, stark, mutig, so, als ob ich den totalen Überblick hätte, über alles. Wir steigen aus, eine warme Brise streift mir durch die Haare, fast wie die Hand einer schönen Frau.
»Alter! Das wird ’ne Nacht, ich schwör’s euch, Jungs!«, sagt Luke, und ich muss ziemlich laut lachen – Luke und Amir steigen darauf ein, wir schreien durch die Gegend wie Irre: Ein paar Alte, die gerade am Parkplatz vorbeilaufen, schielen verdutzt zu uns rüber. Luke drückt an der Autoanlage herum und lässt irgendetwas mit prügelnden Drums und schnellen Gitarrenriffs aus den Boxen dröhnen, klingt nach den frühen Reatards oder so.
»Fuck, fühl ich mich geil«, sagt er, trippelt auf der Stelle herum und verteilt eine Runde Kippen.
»Ja, Scheiße, mein Herz rast«, sage ich, muss kichern und zünde mir die Zigarette an.
»Ist ganz normal«, sagt Amir, und bläst Rauch nach oben, »geht nach ’ner Zeit vorbei ... und dann:«, er formt seine Hand zu einer Pistole, grinst mich an und drückt ein Auge zu, »boom! Dann wird’s richtig gut, ich versprech’s euch, Mann.«
Die Türsteher blicken uns mit grimmiger Miene an, Luke zwinkert mir zu und manövriert uns an die Bar. Als wir mit Amir ein paar Schnäpse kippen, kommen die Blondinen angestöckelt; ich beobachte Luke, wie er an einer mit einem langen Gesicht und zu viel Schminke herumfummelt: Er hat seine Hände ständig an ihrer Taille, flüstert ihr ins Ohr, und sie ist durchgehend am Lachen. Das Mädchen mit den dunklen, warmen Augen steht die ganze Zeit neben mir an der Bar, wir lächeln uns an.
»Voll viel los heute«, schreie ich ihr ins Ohr, weil die Box direkt hinter uns steht. Sie zuckt mit den Schultern und steckt sich den Strohhalm in den Mund.
»Willste tanzen?«, frage ich sie.
»Klar«, sagt sie, unsere Hände berühren sich kurz und als wir loslaufen, sehe ich, wie Luke seine Zunge in dem langen Gesicht stecken hat, die anderen Blondinen stehen genervt daneben.
Ich tanze sonst nie, nur Weiber und Schwuchteln tanzen, aber die Nase macht mich verdammt hibbelig. Mein Körper bewegt sich von alleine: Ich versuche mein Glück, packe Hanna an der Hüfte. Sie lächelt mich an, und als ich beim nächsten Song mit den Händen tiefer rutsche, spielt sie an den Knöpfen meines Hemdes herum – ich weiß nicht, ob es die Drogen sind, aber Hannas Körper strahlt so eine Hitze aus, dass ich das Gefühl habe, mit einer riesigen Wärmflasche zu tanzen. Ich drücke meine Lippen auf ihre, für den Bruchteil einer Sekunde macht sie mit, dann stößt sie mich weg und sagt: »Nicht so schnell, okay?«
»Was denn los?«, sage ich, und ziehe einen Schmollmund, so wie ihn Kinder machen.
»Schön, dass du mich ins Kino einlädst«, sagt sie mir ins Ohr und grinst.
»Mittwoch?«, frage ich, sie nickt und dann kommt Summer of 69, Hanna schreit: »Wuuuuhuu!«, streckt die Arme nach oben und reibt sich an mir auf und ab, wie eine Kobra bei einer Schlangenbeschwörung.

Heute
Es ist Sonntag, Monatsende, wir sind pleite und in Lukes Küche liegt der Wasserhahn irgendwo unter einem schimmeligen Geschirrberg begraben. Am Donnerstag haben wir angefangen, billiges Pep zu ziehen: Es ist furchtbar gestreckt und fühlt sich an, als würde man Glassplitter schnupfen; war das einzige Zeug, das wir auftreiben konnten – die Stadt ist tot: Wir haben alle möglichen Ticker abgeklappert, standen sogar bei so einer russischen Großfamilie vor der Tür, weil ich hörte, dass sie schiebt. Die sind uns mit Köter und Baseballschläger hinterhergerannt, haben »Krysy! Krysy!« geschrien, »Ratten! Ratten!«
Mein Herz hämmert und das verdammte Adam klebt mir diesen kühlen Schweißfilm aufs Gesicht, auf die Beine, auf den Rücken. Während ich Tassen und Teller in die Ecke schmeiße, beginnt der Boden weich zu werden: Es fühlt sich an, als würde ich auf einem Wasserbett stehen – ich brauche dringend Flüssigkeit, sonst kacke ich ab.
»Lass das Geschirr mal, du Spasti!«, schreit Luke aus dem Wohnzimmer.
»Fick dich!«, schreie ich zurück, »als ob du’s benutzen würdest!«
Ich drehe den Wasserhahn auf, halte meinen Mund unter den Strahl, dann den Kopf, ich verbrenne. Luke kommt angelaufen, nur in Jeans, ohne Socken oder Shirt oder so; wenn er drauf ist, wird er zum Exhibitionisten. Er fingert ein Teil aus dem Plastiktütchen und sagt: »Die Grünen sind noch besser als die Blauen, die kicken am Anfang ziemlich krass, aber danach geht dir einer ab, ich schwör’s!«
Sein Grinsen zieht sich bis unter beide Ohren, ich reiße das Fenster auf, nicke, und dann schwappt mir auch schon der erste Schwall über die Lippen: Er schmeckt scharf nach Galle und klatscht auf die Frontscheibe eines parkenden Autos, ich glaube, das ist der Golf von diesem Skin aus dem zweiten Stock; aber das ist mir im Augenblick scheißegal, wirklich. Ich atme durch, und draußen ist alles grau: die Häuser, die sich wie Betonpfeiler in die Höhe streckten, der Himmel, der wie ein dreckiger Laken über mir hängt. Keine Überdosis, sage ich mir und spucke aus dem Fenster; keine Überdosis. Ich muss an den Notfallkasten denken, der unter der Spüle klebt, mit dem Valium – den habe ich neulich bei meinem Ticker gekauft, der meinte, das bringt einen runter, wenn man zu viele Upper geschluckt hat. Luke weiß nichts davon, der könnte die Finger nicht davon lassen, schätze ich.
Irgendwie schweifen meine Gedanken ab: An früher, an meine Mutter, meinen Vater, an Hanna, und daran, wie alles schiefging – keine Überdosis. Luke reicht mir ein Glas Wasser, tätschelt meine Wange und sagt: »Jetzt nicht schlappmachen, Mann!«
Zehn Minuten später schmeiße ich mich dann im Wohnzimmer in so einen Antik-Sessel, den Luke bei sich rumstehen hat – der schaut aus wie aus einem Schwarzweißfilm; und als sich meine Pumpe allmählich beruhigt, versinke ich im Polster: Das sind so Momente, in denen es mir gut geht: Wenn meine Arme und Beine so schwer werden, dass ich sie kaum mehr heben kann; wenn ich mich wie in zehn warme Decken gehüllt fühle: Dann denke ich an gar nichts, dann existiere ich bloß vor mich hin. Nach einer Weile steigt mir so ein stechender Geruch in die Nase. Erst denke ich, es sind noch Reste von der Kotze, die irgendwo an mir kleben, dann hebe ich meine Hand und merke, dass ich sie die ganze Zeit in diesem Müllhaufen liegen habe, der sich seit Tagen neben dem Sofa stapelt: leere Energy-Dosen, Flaschenbier, McDonalds-Tüten. Keine Überdosis. Ich schließe die Augen, atme tief ein. Keine Überdosis.  

Vorgestern
Der Sohn vom Hübner kommt jetzt öfter. Er hat sich die Haare kurz geschnitten, und am Anfang schlich er sich immer durch die Balkontür, als ich nach Dragonball ins Bett musste. Aber das habe ich gleich gecheckt, ich konnte die beiden nämlich hören, unten, im Wohnzimmer. Meine Mutter lacht viel, wenn er da ist, und wenn er wieder geht, riecht die Wohnung nach seinem Parfum und seinem Schweiß. Sonntags warte ich schon gar nicht mehr auf meinen Vater. Am Anfang habe ich noch ständig auf die Uhr geschaut, aber irgendwann hat er angefangen anzurufen und zu sagen: »Junge, tut mir leid, aber diese Woche ist mir was dazwischengekommen«, oder: »Zu deinem Geburtstag bring’ ich dir Karten für den Klub mit, aber heute ist das Wetter so schlecht, da muss ich auf den Bau, sonst saufen die Männer bloß Kaffee.«
Dann hat er gar nicht mehr angerufen und ich habe auch gar nicht mehr an ihn gedacht, sondern bin gleich rüber zum Luke, der ist sowieso immer scharf auf Kicken.
Neulich hat uns Frau Gräbner ans Pult gerufen, sie hat uns unsere Mathetests unter die Nase gehalten und gesagt: »Na, fällt euch was auf?«, und wir haben beide mit dem Kopf geschüttelt. Dann wurde sie total rot im Gesicht, und wenn sie schreit, spuckt sie immer ganz fürchterlich. Jetzt sitzt Luke am anderen Ende des Klassenzimmers und schreibt nur noch schlechte Noten; er hat erzählt, dass ihn seine Mutter immer samstags zu so einem Typen fährt, der aus dem Mund noch schlimmer als unser Sportlehrer riecht, und mit dem muss er dann über lauter komisches Zeug reden und so Spiele spielen, die gar keinen Spaß machen. Ich weiß auch nicht, was ich davon halten soll. Als ich das meiner Mutter erzähle, schüttelt sie den Kopf und sagt: »Wenn ich die Pfeuffer schon immer in ihrem Hosenanzug hier vor der Tür herumstöckeln sehe: Nee, nee, nee. Die ist früher schon immer mit Handschuhen und Desinfektionsspray angerannt gekommen, wenn Lukas sich im Sandkasten eingesäut hat – aber so seid ihr, ihr Jungs, und wenn Lukas länger braucht ... die hat doch bloß Schiss, dass die anderen Mütter aus der Musikschule über sie tuscheln, wenn ihr Lukas nächstes Jahr immer noch in der Zweiten hockt.«  

Gestern
Ich bin jetzt seit einem Monat in der Fabrik. Letzte Woche kam in der Mittagspause so ein Typ zu mir, Anfang dreißig, Augenringe, Zauselbart und Holzfällerhemd, der fragte mich nach Feuer; wir kamen ins Gespräch, laberten übers Feierngehen und welche Diskos scheiße sind und so, da sagte er plötzlich: »Crystal?«, und erst verstand ich nicht, dann sagte er: »Du bist Crystal, das seh’ ich gleich.«
Er grinste und ich stand ziemlich verdutzt da, sagte: »Nee, eher so Weed.«
Er beäugte mich skeptisch, dann fragte er: »Bist aber kein Bulle, oder?«, ich verneinte, er dachte kurz nach, zwinkerte mir zu und sagte: »Du bist okay, Kollege. Wenn du was brauchst, kommste zu mir, kapiesch?«
Ich fragte den Holzfällertypen nach Weed, aber er blickte mich bloß schief an und sagte: »Krass – war mir sicher, du bist Crystal, Kollege.«

»Ich glaube, ich hab die Frauen durchschaut«, sagt Luke, zieht an der Bong und gibt sie mir rüber. »Du musst dich einfach für ihr Leben interessieren, und wenn du dahinter gekommen bist, was für einen Typ Mann sie wollen, erzählst du ihnen einfach alles, was sie hören wollen. Gecheckt?«
Ich ziehe den Rauch hoch und atme ein. Erst wird mein Gesicht taub, dann wird mir warm, so von innen heraus.
»Kein Plan«, sage ich, »kann schon sein. Aber ich darf nicht zu breit sein, ich muss nachher noch mit Hanna und meiner Mutter essen.«
»Mhm«, sagt Luke, und betrachtet mich skeptisch. »So ’n Kennenlernding?«
»Glaub schon.«
»Ich könnte das nicht.«
Ich lege meine Stirn in Falten. »Wie meinste das?«
»Weiß nicht. Ich meine, ihr hängt schon viel zusammen ab, oder?«
Ich lasse die letzten sechs Wochen vor meinem inneren Auge vorbeiziehen.
»Ja, irgendwie schon«, sage ich, und nicke dabei leicht.
»Pass auf, Mann«, sagt Luke, »bleib nicht auf der Kleinen hängen. Immer alles warmhalten, was geht, ich sag’s dir.«
Ich muss schmunzeln.
»Alter Casanova«, sage ich. Ich lasse meinen Blick durch den Raum wandern. »Aber echt schicke Bude. Brauchst bloß noch ein paar Möbel.«
»Ja«, sagt Luke und schaut jetzt auch durchs Wohnzimmer, als sähe er es zum ersten Mal. »Wurde auch echt Zeit. Seitdem meine Mutter wieder da ist, hieß es: Luke mach dies, Luke mach das, Luke, wieso hast du dich nirgends beworben, du stinkst nach Bier, Rauchen ist ungesund ...«
Wir schauen uns an und müssen plötzlich beide loslachen, es platzt aus uns heraus, meine Augen tränen. Luke fingert einen Spiegel unter der Bierkiste hervor, auf der er sitzt.
»Willste eine?«, fragt er, und öffnet das Tütchen.
»Nee«, sage ich, »darf nicht zu drauf sein. Das Essen – hab ich doch gesagt.«
»Ahso, stimmt«, sagt er, formt mit seinem Perso eine Linie und beugt sich hinunter.

Meine Mutter ist sehr schwach, aber absagen wollte sie auf keinen Fall. Jetzt sitzt sie mit Wollmütze und in eine Decke gehüllt am Esstisch.
»Und was willst du später mal studieren?«, fragt sie Hanna heiser, und Hanna sitzt mit ihrem blauen Ausgehkleid und den hochgesteckten Haaren da, hat rote Backen und einen Blick, der durch die Gegend springt; ich habe ihr schon lange erzählt, was meiner Mutter fehlt, aber ich glaube, jeder, der das erste mal den Tod in einem Menschen sitzen sieht, kommt damit nicht klar.
»Grundschullehramt«, sagt Hanna, und versucht zu lächeln.
»Ach schön«, sagt meine Mutter, und wirft mir ein Lächeln zu. Sie sticht mit der Gabel in eine Tortellini und steckt sie sich in den Mund. »Der Auflauf schmeckt übrigens klasse, da musst du mir mal das Rezept für geben. Der ist schon selber gemacht, oder?«
»Ja, genau«, sagt Hanna, »das Rezept ist von meiner Oma.«
»Ach, toll«, sagt meine Mutter. »Das ist echt toll.«

Als ich Hanna zur Tür gebracht habe und das Geschirr abräume, liegt meine Mutter auf dem Sofa und ruft mit brüchiger Stimme: »Sven...«
Ich stelle die Teller wieder auf den Tisch.
»Was ist denn?«, frage ich, und setze mich neben sie – sie nimmt meine Hand, drückt sie und blinzelt mir zu.
»Ist ein gutes Mädchen«, sagt meine Mutter und lächelt. »Ich bin froh, dass du so ein gutes Mädchen bei dir hast. Deinem Vater hätte sie auch gefallen.«
Ich nicke stumm, dann stehe ich auf und gehe zurück in die Küche.  

Heute
Nüchtern überlebe ich die Arbeit in der Fabrik nicht. Wenn ich drauf bin, ist das etwas anderes: Vor mir das Maul der Maschine, die in die Blechplatten beißt, die ich ihr zu Fressen gebe ... Ich denke, Leute, die den Stoff noch nie durch ihre Adern haben rasen spüren, verstehen das nicht, aber wenn es unter meiner Haut kribbelt, wenn dieser Orkan in mir zu wüten beginnt, habe ich Scheuklappen auf – dann ist es die größte Befriedigung, die immer gleiche Bewegung zu machen, nicht nachzudenken, einfach im Fluss zu bleiben: Blechplatte, Maschinenmaul, Hebel, Blechplatte, Maschinenmaul, ...
Der Arbeiter links von mir starrt vor sich hin und funktioniert, und der Arbeiter rechts neben mir starrt vor sich hin und funktioniert – ich kenne keinen aus der Fabrik, der sein Geld nicht für irgendetwas raushaut, was den Kopf mit Watte ausstopft: Die einen haben glänzende Augen, die sie mit Dosenbier und Billigwodka polieren, und die anderen haben Haut wie weißes, altes, brüchiges Leder, weil sie dreckiges Zeug sniefen, das eher grobkörnigem Sand als funkelnden Kristallen ähnelt.
Als ich zu Luke nach Hause komme, hocken irgendwelche Typen auf meiner Schlafcouch: Sie alle haben diese Trostlosigkeit in ihren Blicken sitzen, wie man es eben hat, wenn man mit offenen Augen träumt. Die Anlage ist voll aufgedreht, elektronische Beats pochen durch die Wohnung: bumm-bumm-bumm ... Hinter der Couch steht so ein dürrer, zappeliger Kerl in einem viel zu großen Wollpullover, und krakelt mit einem Edding irgendwelche Worte auf die Wand.
»Wo ist Luke?«, schreie ich, und zuerst reagiert keiner, dann nickt einer mit kurz geschorenen Haaren und grauem Hoodie auf Lukes Zimmer. Als ich die Tür aufreiße, sehe ich bloß seinen blanken Hintern, der in die pickeligen Backen irgendeiner Tussi hämmert.
»Luke!«, schreie ich. Jetzt dreht er sich um und grinst mich an.
»Hey«, schreit er, »die Alte ist voll durch, willste auch?«
Die Frau dreht sich um: Sie ist dürr, mindestens fünfzig, hat Pusteln im Gesicht und fettige blonde Haare, die ihr am Schädel herunterhängen wie eine Portion Spaghetti.
»Nee, nur einer!«, schreit sie. Luke lacht, läuft zu seinem Schrank, zieht einen Schuhkarton heraus und schmeißt dem Ding ein Plastiktütchen hin.
»Die Runde geht auf mich«, sagt Luke, und klopft mir auf die Schulter. Er geht ins Wohnzimmer, nackt. Die Alte kniet noch immer gebückt auf dem Bett, ich sehe ihr haariges dunkles Loch; sie grapscht nach dem Tütchen, dann schaut sie zu mir, grinst, und ich sehe nur schwarze Stummel.
»Na, bin ich dir zu hässlich, Kleiner?«, fragt mich die Alte, lacht, und ihre Lungen rasseln. Ich gehe zum Bett und fahre ihr durch die blonden Haare. Ich versuche etwas an ihr zu finden, etwas Schönes, etwas Vertrautes.
»Komm schon, fick mich«, sagt die Alte, schmeißt sich auf mich und leckt mir das Gesicht ab – ihr Atem stinkt nach Fäule. »Los, fick mich endlich, mein kleines Baby!«
Da drehe ich mich auf sie, packe ihre Hände; aber als die Schabracke nicht aufhört, mein Gesicht abzulecken, schreie ich: »Hör auf! Hör auf damit!«
Sie lacht laut, leckt mich ab und schreit: »Oh ja, mein Baby!«, und dann gebe ich ihr eine Ohrfeige, der Hure – ihr gefällt es, sie lacht und schreit: »Oh ja, mein Baby! Mein kleines Baby!«, dafür kriegt sie noch eine und noch eine, bis ihr Gesicht rot wird.
»Du Hure! Du willst es? Du Hure!«, schreie ich, reiße mir die Hose runter und spüre ihre nassen, schlaffen Schamlippen an meinem Schwanz; sie lacht und stöhnt und ich ramme ihn rein, so tief es geht, immer wieder, bis ihr die Soße in die Arschritze läuft – ihr Atem ist heiß an meinem Hals: Zur Strafe spucke ich ihr ins Gesicht, der Schlampe; dann gehe ich ins Bad und kotze und heule – ich höre sie draußen mit Luke reden, ich höre ihre Lungen rasseln. Dann schmeißt sie die Tür zu, und alles, was ich höre, ist: bumm-bumm-bumm ...  

Gestern
Luke hat jetzt eine Couch und zwei Sessel, es ist Samstagabend und wir glühen bei ihm vor. Hanna hat sich herausgeputzt: hohe Schuhe, kurzer Rock, Spaghettitop, Alter, ich würde sie direkt hier nehmen, vor allen anderen, kein Scheiß, ich würd’s machen. Ihre Freundin heißt Anke oder Angie, Amir labert sie die ganze Zeit mit irgendwelchen Geschichten aus der Schule voll und starrt dabei auf Hannas Beine; ab und zu merkt er, dass ich merke, dass er meine Freundin in Gedanken auszieht, dann schaut er schnell weg und lacht laut über irgendetwas, was Anke oder Angie sagt. Luke hat so eine zerbrechliche Sechzehnjährige mit Rehaugen eingeladen, die er neulich abends irgendwo kennengelernt hat; hat keine halbe Stunde gedauert, bis sie hier am Rumlecken waren. Luke schiebt sie sich bloß vom Gesicht, wenn die Tüte an ihm vorbeizieht oder wenn wir in die Küche gehen und was vom Pep ziehen, das ich vom Holzfällertypen organisiert habe – es ist verdammt gutes Zeug, es lässt das Herz und die Gedanken nicht rasen und gibt einem dieses warme, klare, kribbelige Gefühl, dass dir heute der verdammt beste Tag deines Lebens bevorsteht.
Ich hänge in der Küche gerade mit dem Röhrchen über dem Spiegel, da kommt Hanna rein, sie schaut mich an, ich schaue sie an, alles erstarrt einen Moment lang und dann sagt sie: »Wann gehn wir jetzt eigentlich tanzen?«
»Ähm«, sage ich, »weiß auch nicht. So in ’ner Stunde?«
Hanna seufzt und drückt auf ihrem Smartphone herum. »Dann is es schon fast zwölf, die anderen sind schon ewig da.«
Ich kratze mich an der Nase, tausche mit Luke und Amir Blicke aus. »Halbe Stunde?«
Hanna schaut auf den Spiegel, dann sieht sie mich irgendwie traurig an. »Meinetwegen.«  

Heute
Ich hänge über dem Spiegel und ziehe eine Line, aber es fühlt sich nicht an, als ob ich Drogen nehmen würde, es fühlt sich eher an, als ob ich richtig durchatmen würde, nachdem ich fünf Minuten lang unter Wasser war. Als ich fertig bin, blicke ich direkt in mein Gesicht – es ist rot und geschwollen, ich kann meinen Mund kaum öffnen – ich glaube, da ist irgendetwas gebrochen, aber das ist mir egal, mein Körper ist mir egal, ich bin mir egal. Gestern stand der Skin aus dem zweiten Stock plötzlich vor mir – seitdem ich auf seinen Golf gekotzt habe, klingelt er ständig Sturm und schreit Zeug wie: »Ihr dreckigen Schwuchteln!«, oder: »Linke Assis!«, und schlägt dabei gegen die Tür. Solange wir ihm einfach nie wieder begegnen, ist das ja auch nicht weiter schlimm, das Hochhaus ist riesig; aber ich war acht oder neun Tage lang wach gewesen, und meine Arme und Beine krampften so irre, dass ich kaum mehr stehen konnte – und in diesem Zustand vergaß ich einfach, erst durch den Spion zu schauen, als es klingelte. Der Skin baute sich dann mit seinem Bullenkörper und der Bomberjacke vor mir auf und fing an, auf mich einzubellen, aber ich verstand ihn einfach nicht; echt, es war, als ob er rückwärts sprechen würde oder so: »Tot rhi dies, tgnalna Otua niem lamnie hcon rhi Nnew!«
Ich krallte mich schwitzend und zuckend in den Türrahmen und der Sabber lief mir aus dem Mund, weil mir scheiße schlecht war – als der Skin mir die Erste verpasste, hörte ich meinen Kiefer knacken, und das Nächste, was ich sah, war der Koloss über mir, mit diesem platten, plumpen, roten Gesicht; ich spürte seine Stiefel auf mich einknallen, aber es schmerzte nicht, ich fühlte gar nichts – dann kam Luke plötzlich aus seinem Zimmer gestürmt, brüllend wie ein Hunne, und schleuderte seine Glasbong auf den Glatzkopf: Der Skin rannte blutüberströmt heraus, schrie: »Assis! Assis! Das kriegta zurück, ihr Assis!«  

Vorgestern
Gestern, als die letzten beiden Stunden ausgefallen sind, da hat es an der Tür geklingelt und Matthias – so heißt der junge Hübner – stand mit einem Blumenstrauß vor mir. Er wurde ganz rot, als er mich sah, dann kam meine Mutter und hat ihn ganz furchtbar angeschrien, und als er anfing, zurückzuschreien, bin ich auf mein Zimmer gegangen. Aber heute, als ich nach Hause kam, saßen sie beide am Esstisch, mit so einer Kerze zwischen sich. Sie haben mich mit großen Augen angeschaut, und dann hat meine Mutter gesagt, dass der Vater erstmal nicht mehr kommt, dass aber dafür Matthias jetzt öfters kommt. Danach haben wir zu dritt Auflauf gegessen, meine Mutter hat mich die ganze Zeit über so gruselig angelächelt, aber ich hatte irgendwie kaum Hunger, mir war kalt und ich hatte keine Spucke im Mund. Später bin ich rüber zum Luke, wollte ihm das mit meinem Vater und Matthias erzählen, aber Luke war komisch: Er hat viel gegähnt und wollte Fußball bloß bei mir auf der Playstation spielen, weil, er darf ja keine haben. Und als ich ihm das mit meinem Vater erzählt habe, da hat er mich so angestarrt, als ob er einfach durch mich hindurchsehen würde.
»Meine Mutter ist jetzt in so einem Krankenhaus«, sagte Luke später, als wir auf seinem Bett hockten und Fußballsticker tauschten. »Die hat die letzte Zeit so viel geweint und war nur im Bett gelegen. Aber hat nichts mit mir zu tun oder so, ihr Gehirn hat sowas wie ne Erkältung, hat mein Vater gesagt. Wir besuchen sie am Sonntag.«
Jetzt liege ich im Bett und kann nicht einschlafen. Ich meine, ich bin ja nicht dumm, ich weiß wie das zwischen Männern und Frauen abläuft: Ich höre sie, nebenan, sie sind vom Wohnzimmer hochgezogen: Ich höre die Schreie meiner Mutter und das Stöhnen von Matthias, dann wird es kurz still, bevor es von Neuem losgeht; ich hasse ihn, ich hasse Matthias! Ich drücke mir mein Kissen auf die Ohren und heule wie ein kleines Mädchen. Ich wünschte, das Auto hätte ihn damals überfahren, als wir bei ihm geklaut haben – wirklich, ich falte meine Hände und bitte den lieben Gott, dass er Matthias umbringt: Lieber Gott, flüstere ich, bring ihn um, lieber Gott, bring ihn um, bring ihn um ...


Gestern
Ich habe Luke vor zwei Wochen das letzte Mal gesehen, da ist er mit tellergroßen Pupillen zu mir gekommen und hat mir verrücktes Zeug erzählt, von einem Dreier mit zwei Dreißigjährigen und einer Technoparty, auf der er von Freitag bis Sonntag durchgehend am Tanzen war. Luke fragte nach der Nummer vom Hölzfällertypen – er meinte, Chemie kriegt man nirgends zu so einem Kurs. Später haben wir eine Tüte geraucht, aber die hat mich irgendwie noch mehr runtergezogen. Ich habe Luke dann gesagt, dass ich jetzt Zeit für mich bräuchte, und dann ist mir zwei Stunden lang das Wasser aus den Augen gelaufen.

»Du musst mal wieder raus gehen«, sagt Hanna. Ich liege auf der Couch, dort, wo meine Mutter immer gelegen hat. Hanna reißt das Fenster auf und das Rollo hoch, ich rieche den Herbst: Er riecht nach Regen und Erde und nassen Blättern, das grelle Licht sticht mir in den Augen, ich drehe mich auf die Seite und vergrabe mein Gesicht in der Polstergarnitur.
»Mach das scheiß Fenster zu«, murmle ich, aber die Couch verschluckt meine Worte. Hanna setzt sich neben mich und fährt mir durch die Haare.
»Wann hast du das letzte Mal was gegessen?«, fragt sie.
»Gestern«, sage ich. Sie nimmt meinen Arm und umschließt ihn unterhalb der Hand mühelos mit Daumen und Zeigefinger.
»Lügner«, sagt sie.
»Und wenn schon«, sage ich, drücke meine Augen zu Schlitze zusammen und blicke sie an. »Krieg halt nichts runter. Geht einfach nicht ...«
Sie nimmt meine Hand, drückt sie und fährt mir wieder durch die Haare.
»Ich mach dir mal ’ne, Suppe, okay?«
Ich nicke.
Der Geruch von Zwiebeln und Suppengrün steigt mir in die Nase, ich schaue aus dem Fenster, sehe die goldene Scheibe da oben hängen und höre ein paar Kinder auf der Straße herumtoben. Ich schlurfe in die Küche, mir ist kalt und schwindelig. Als ich sehe, wie Hanna mit dem Mixstab in der Hand den Herd voller Suppe spritzt, muss ich irgendwie schmunzeln.
»Ist gleich fertig«, sagt sie, lächelt und streicht sich eine Strähne hinters Ohr. Ich summe vor mich hin, Hanna schaut mich schief an.
»Was ist das denn für eine Melodie?«, fragt sie.
»Keine Ahnung«, sage ich, »hab das gerade so im Ohr.«
»Mhm ... komm halt doch heute Abend mit«, sagt Hanna, »würde dir gut tun. Amir und Angie sind auch dabei.«
Ich schüttle den Kopf.
»Nee«, sage ich, »heute nicht.«

Die graue Hitze tänzelt von meinem Löffel und Hanna schaut sich im Esszimmer um wie eine Fremde.
»Ist irgendwas?«, frage ich.
»Hör zu ...«, sagt sie, und kratzt sich an der Stirn. »Willst du hier wohnen bleiben? So für immer?«
Ich zucke mit den Schultern. »Hab noch nicht drüber nachgedacht.«
»Ich meine ... wär’s nicht besser, abzuschließen? Hier, mit dem Haus und so?«
Ich schlürfe die Suppe vom Löffel und zucke wieder mit den Schultern. »Keine Ahnung.«
Wir schweigen.
»Der Notar hat eh gemeint, dass das Haus noch auf meinen Alten läuft. Muss mal gucken, wie das weitergeht.«
»Er ... er war übrigens auf der Beerdigung.«
»Was?«, sage ich, und schnappe nach Luft. Hanna hat den Blick gesenkt und starrt auf ihre Hände.
»Er hat mich gefragt, ob ich zu dir gehöre. Dann hat er gefragt, ob ich denke, dass er dich mal besuchen könnte, er ist noch zwei Wochen in der Stadt.«
»Und?« Meine Beine kribbeln.
»Hab gesagt, dir geht’s ziemlich schlecht und ich weiß nicht, ob das zu viel für dich wäre.«  

Heute
Wenn am ersten oder zweiten des Monats mein Lohn kommt, kann ich rotzen wie ein König – sechs, sieben Tage lang, jede Stunde ein dickes Näschen. Jetzt ist Monatsende, ich bin blank und Luke hat auch kaum mehr Zeug; er ist der beschissenste Dealer, den ich je gesehen habe: Erst streckte er das Crystal vom Holzfällertypen mit Salz und Backpulver – das haben ihm nicht mal die Kids aus dem Skatepark abgekauft – dann ging Lukes eigenes Ice aus, und er konnte es nicht ertragen, nüchtern neben einem Schrank voller versautem Zeug herumzuliegen. Jetzt zieht er sich ständig diesen Backpulver-Salz-Mix rein, und ich höre ihn immer fluchen, wenn ihm die Nase den Teppich vollblutet.

Ich habe ein paar Stunden geschlafen, das erste Mal seit langem, lauter irre Träume, in denen ich durch unendlich lange Gänge renne, oder mitten in einem Ozean aus schwarzem Wasser treibe. Als ich aufwache, steht Luke am Fenster, schwitzt stark, raucht und starrt auf die Straße hinunter. Ein paar Fliegen vom Müllberg krabbeln ihm auf den Armen, dem Nacken, dem Gesicht herum. Luke fuchtelt mit der Hand herum, aber das hilft nur kurz.
»Was machst ’n da?«, frage ich, und als mir die Worte über die Lippen laufen, sticht und pocht mein halbes Gesicht – der verdammte Kiefer.
»Sch«, zischt Luke, und fuchtelt mit der Hand herum. »Sei mal still!«
Ich schleiche zum Fenster, der Parkettboden knarzt.
»Ich glaube, der Skin, der hat so ein Abhörgerät ...«, flüstert er.
»Was?«
»Da unten.« Er nickt in Richtung Straße.
»Ich seh’ nix.«
»Doch, da, im roten Golf, auf dem Rücksitz, da hockt er mit Kopfhörern ... schaut schon die ganze Zeit hoch, siehste das nich’ ...«
Luke zieht aufgeregt an seiner Selbstgedrehten, dann schauter mich an, und erst jetzt fällt mir auf, wie scheiße er aussieht: so müde und blass und verloren – seine Augen sind milchig-trüb, blutunterlaufen, seine Haut picklig und brüchig, fast gelb; ich sehe seine Wangen- und Kieferknochen hervorstechen.
»Wir müssen aufpassen«, sagt er, »ich glaub, das ist ’n Bulle.«
Ich schlucke und denke kurz nach; dann ziehe ich mir das Tütchen mit den Resten aus dem Socken, zeichne eine schmale Linie auf dem Tisch und beuge mich herunter. Besser jetzt das Zeug vernichten, falls der wirklich Bulle ist, denke ich mir. Der Orkan beginnt in mir zu wüten; es ist guter Stoff, erst wird mein Hals warm, dann meine Hände, die Schmerzen aus meiner Backe verschwinden.
»Ich muss jetzt zur Arbeit«, flüstere ich. Luke steht da, starrt aus dem Fenster und steckt sich eine neue Kippe an.
»Pass auf, wenn du raus gehst«, flüstert er, ohne mich anzublicken.
Luke dreht total durch, als ich zum roten Golf laufe – ich kann ihn sehen, am Fenster: Er schlägt die Hände über dem Kopf zusammen und läuft auf und ab. Aber da ist nichts, gar nichts; bloß ein Müllbeutel auf dem Rücksitz.  

Vorgestern
Luke hat mir zu meinem Fünfzehnten eine Pulle Jägermeister geschenkt, wir stehen in der Pause im Klo herum, quetschen uns in eine Kabine, rauchen eine Kippe und ich beäuge das grüne Etikett der Flasche.
»Der checkt das eh nicht«, sagt Luke, zieht an der Zigarette, hält sie mir hin und ich nehme einen Zug. »Ein ganzes Regal davon verstaubt im Keller. Mein Opa bringt das immer zu Weihnachten mit, aber mein Vater hasst Fusel.«
»Mhm«, brumme ich. »Oh Mann ... und mein Alter kommt heute.«
Luke macht große Augen.
»Und?«, fragt er.
»Weiß auch nicht«, sage ich, »er hat gemeint, dass er sich schon total freut, mich mal wiederzusehen.«
Plötzlich hören wir, wie die Tür aufgeht und jemand zum Pissoir schlurft – ich lasse die Kippe ins Klo fallen und wir halten die Luft an.

Es wird Herbst: Das grüne Haar der Bäume wird immer lichter und am Horizont sehe ich dunkle Wolken, die wie gigantische Schlachtschiffe auf uns zusteuern. Luke hat irgendein Mädchen aus der Parallelklasse mit zum Hügel hinter die Schule gebracht, Steffi, sie hat kleine Brüste und eine Zahnspange und schaut uns dabei zu, wie wir am Schnaps nuckeln. Christoph kommt um die Ecke, er ist einer der Streber aus der ersten Reihe, hat blondes, geföhntes Haar und eine Brille auf seiner pickeligen Nase sitzen. Als er uns sieht, wird er blass und bleibt stehen.
»Na Chrissi«, sagt Luke, grinst und bläst Rauch in seine Richtung. »Gehst gerade in den Schwulenclub?«
Steffi lacht, und ich gehe zu Christoph, packe ihn an den Schultern und schüttle ihn. »Ach komm schon Kumpel, sei nicht immer so steif! Ist doch bloß Spaß, Mann!«
»L-Lass mich los!«, sagt Christoph, und ich kann die Angst in seinem Blick sehen. »O-Oder ich sags der F-Frau Klöster! D-Dann gibts Ärger!«
Ich drehe mich zu Luke um, lache und sage: »Haste gehört? W-Wir s-sollen i-ihn g-gehen lassen!«
Luke sagt: »Ooh, armer Bubi«, und dann beginnen wir Christoph herumzuschubsen, irgendwann fällt ihm die scheiß Brille von der Nase, er beginnt zu flennen und dann schlage ich zu.
»Du Pussy!«, schreie ich ihn an, einfach, weil ich Lust habe, diesem Weichling mal zu zeigen, wie es ist, wenn das Leben scheiße ist. »Renn doch zu deiner Mami, du Schwuchtel!«
Plötzlich rennt Christoph echt los – seine Brille bleibt im Dreck liegen.

Mein Vater schaut alt aus: Seine Haare sind fast schneeweiß, und durch sein Gesicht ziehen sich grobe, tiefe Falten. Er steht im Wohnzimmer, trägt Anzug und hält ein Paket mit roter Schleife in den Händen; neben ihm steht eine kleine blonde Frau und daneben meine Mutter und daneben Günther: Das ist der, der nach Ernst, Andreas, Hahnenkamm-Matthias und den ganzen anderen kam, aber im Endeffekt sind sie alle gleich: Erst schleichen sie sich durch die Balkontür herein, dann wird gelacht und Kaffee getrunken, dann stehen sie mit Blumensträußen vor der Tür, und schließlich höre ich es Klatschen und meine Mutter schreien und die Kerle stöhnen.
»Hey, Cowboy«, sagt mein Vater, und lächelt mich an. »Alles Gute!«
»Mhm«, brumme ich, und lasse mir die Haare vor die Augen fallen. Mein Vater räuspert sich, stellt sich vor mich und hält mir das Paket hin.
»Ist was mit Fußball«, sagt er, »gefällt dir bestimmt.«
»Hab schon ewig kein Fußball mehr gezockt«, sage ich, laufe an ihm vorbei, setze mich an den Tisch und schaufle mir ein Stück Kuchen auf den Teller. Die anderen stehen alle noch, sie starren mich stumm an.
»Übrigens«, sagt mein Vater, »ähm ... wie soll ich’s dir sagen? Also ich mach’s kurz: Das ist die Birgit.« Er legt seinen Arm um die blonde Frau, beide versuchen zu lächeln. »Wir, wir ... wir verstehen uns sehr gut und werden vielleicht auch bald zusammen wohnen, weißt du?«
»Mhm«, brumme ich wieder, und stopfe mir Kuchen in den Mund.
»Der Erdbeerkuchen ist übrigens von mir«, sagt die kleine blonde Frau, »schmeckt er dir?«
Ich schüttle mir die Haare aus den Augen, blicke die blonde Frau an und spucke meinen Mundinhalt auf den Teller.
»Schmeckt wie ’n Haufen Scheiße mit ner Erdbeere oben drauf«, sage ich. Meiner Mutter läuft eine Träne über die Wange und mein Vater wird rot, er hechelt nach Luft und dann brüllt er: »Na also! Jetzt beherrsch dich aber mal!«
Ich stehe auf, der Stuhl fällt um, ich grapsche mir eine Handvoll Erdbeerkuchen und schmeiße das Zeug auf den scheiß Anzug von meinem Vater.
»Verpiss dich!«, brülle ich und mein Herz rast, »geh wieder nach Berlin und komm nie wieder, du Penner! Nimm dein verficktes Geschenk und steck’s deiner Fotze in den Arsch!«  

Gestern
Der Suppengeruch hängt noch in der Luft, als ich am Schlafzimmerfenster meiner Eltern stehe und auf den verwilderten Vorgarten herunterblicke, wo früher Tulpen und Rosen und Lavendelblüten zu einem Farbenmeer verschwammen. Meine Mutter verbrachte jede freie Minute dort: Wie sie mit Strohhut da unten kniet, mit einem Lächeln auf den Lippen, das vergesse ich nie.
Dann klingelt es noch einmal, die blonde Frau versucht jetzt durch das Küchenfenster ins Haus zu sehen, sie stiefelt durch den Vorgarten und drückt ihre Nase gegen die Scheibe. Ein Teil von mir will herunterrennen, meinen Vater umarmen, endlich wieder zuhause sein; aber ein anderer will ihm den Aschenbecher neben meiner Rechten auf den Kopf schmeißen, ihn leiden sehen – letztendlich stehe ich eingefroren am Fenster und starre hinunter. Es dämmert bereits und ihre Gestalten sind nichts als unscharfe Schatten – ich kann mich nicht einmal genau daran erinnern, wie sein Gesicht aussieht; es ist ewig her, dass ich ihn oder ein Foto von ihm gesehen habe. Ich höre die Klappe des Briefkastens zufallen, dann noch einmal die Klingel. Als die beiden schließlich die Straße hinab gehen, fällt mir auf, dass mein Vater anders läuft als früher: In meiner Erinnerung ist er ein Riese, der so umherstolziert, als gehöre ihm die ganze Welt: mit erhobenem Kopf und großen Schritten – und jetzt schwebt er leicht gebückt über den Asphalt. Ich schaue ihnen nach, bis sie von der anbrechenden Nacht verschluckt werden. Irgendwann glotzt mich der Mond an und ich fühle mich wie mit sieben, als ich stundenlang vor der Tür gehockt war und auf die Straße schaute, in der Hoffnung, er würde wiederkommen.

Seit Tagen starrt mich der Brief auf der Kommode an. Ich musste drei Tüten rauchen und fünf Biere trinken, bevor ich ihn öffnen konnte. Ich lese hastig, sauge die Wörter in mich hinein, dann alles noch mal, ich schaue mir jeden einzelnen Buchstaben an: Er macht über dem U einen kleinen Strich, und das F steht so gebückt und kraftlos auf den Zeilen, dass ich meinen Vater darin wiedererkenne. Ich denke nach, lange, ziehe immer gleiche Kreise durchs Haus; dann klappe ich den Laptop auf und google nach der Telefonnummer.

Draußen schneit es stark, als ich mit verschränkten Armen durch die Straßen zittere. Ich glaube, was ich Hanna sagen werde, wird sie freuen – vielleicht ziehe ich erst einmal zu ihr, bevor wir uns etwas suchen. Als ich in ihren Wohnblock einbiege, sehe ich einen schlaksigen Typen mit schwarzen, drahtigen Locken die Treppenstufen des Hochhauses herunterlaufen. Amir geht mit zügigen Schritten und klappt sich den Mantelkragen hoch, er scheint mich nicht gesehen zu haben. Einen Moment lang will sich mein Arm heben und mein Mund: »Heey, Amir!« schreien, aber dann sackt es mir wie ein Stein in den Magen, meine Beine werden weich.

Während Hanna die Tür aufreißt, sagt sie: »Naa, hast du wa-«, aber als sie mich sieht, erlischt das Leuchten in ihren Augen; ihre Haare sind zerzaust, sie trägt eine Jogginghose und ein Spaghettitop.
»Hey, Sven, ähm ... hatte dich jetzt gar nicht erwartet«, sagt sie und wird blass.
»Ja«, sage ich, »ja, ich weiß.«
Ich schiebe sie zur Seite und laufe ins Schlafzimmer. Hanna bleibt erstarrt stehen und krallt sich in den Türgriff. Als ich die zerknitterte Bettdecke und die dunklen Flecken auf dem Laken sehe, schließe ich die Augen: Es riecht nach Parfum und Schweiß, und irgendwie kann ich sie hören: Ich höre ihre Schreie und sein Stöhnen.
»Hey, also –«, sagt Hanna, aber ich wüsste nicht, was es noch zu sagen gäbe. Ich schmeiße die Tür hinter mir zu und laufe nach Hause. Es ist kalt geworden, verdammt kalt: Es wird bald Winter sein.  

Heute
Es dämmert, als ich von der Nachtschicht zu Luke nach Hause komme. Es ist ungewöhnlich still in der Wohnung, nur der Boiler brummt im Minutentakt und der Parkettboden ächzt unter meinen Schritten. Ich setze mich auf den Antik-Sessel und bin gerade dabei, mir auf dem Tisch neben überquellenden Aschenbechern und dreckigem Geschirr mein letztes Zeug zu zermalmen, als ich ein leises Klopfen höre.
»Sven ...«
Ich blicke mich um, kann aber nicht ausmachen, woher das kam; ein mulmiges Gefühl steigt mir die Beine hoch.
»Hallo?!«, rufe ich – keine Antwort.
Als ich sehe, dass Lukes Zimmertür angelehnt ist, gehe ich hinein; mir wird speiübel, meine Beine sacken mir fast weg.
»Luke!«, schreie ich, dann bücke ich mich zu ihm hinunter und ohrfeige ihn. Sein Gesicht ist kreideweiß, und er liegt in einer dunklen, öligen Lache, hält sich mit den Händen den Bauch fest. Ich knie mich in die Pfütze, halte seine Hand, spüre das warme Blut.
»Sven ...«, flüstert er, und seine Augen sind trüb und gläsern, sie fixieren mich und dann biegen sich seine Lippen zu einem schwachen Lächeln. »Na endlich ...«
»Was-was ... was ist passiert, Mann?«
»Die Alte ... hat mich gerippt ...« Er hebt seine Hand, zeigt schwankend auf die Schuhkartons neben ihm, dann hustet er, spuckt Blut und blickt mich wieder an.
»Ich-ich ruf’ den Krankenwagen«, sage ich, als ich mein Handy heraushole, aber meine Hand zittert so sehr, dass ich die Tasten nicht treffe.
»Die hat das ganze Zeug geseh’n ... is’ voll durchgedreht, ey ... hatte ’n Messer dabei ... ich sag’s dir ...«
»Halt durch, Mann, der Krankenwagen kommt gleich«, sage ich mit bebender Stimme, mein Herz rast und meine Hände sind taub, mir fällt das Handy fast herunter.
»Geht ... geht die Sonne gerade auf?«, fragt Luke plötzlich. Ich sehe ihn an und verstehe nicht.
»Sag jetz’ ... geht die Sonne auf?«
Ich blicke durchs Fenster.
»Weiß nicht ... ja«, sage ich, »ja, sie geht gerade auf.«
Luke lächelt, nickt und greift nach meiner Hand.
»Weißt du«, sagt er, »weißt du, ich ... ich hab das schlimmste Laster.«
»Du schaffst das schon«, sage ich zu Luke, und treffe zweimal die Eins-Taste.
»Ich ... ich bin süchtig nach dem Leben«, sagt Luke; dann packt er meine Hand fest, hustet und lächelt. »Nach dem Leben ... ich ... ich sehe jeden Tag die Sonne aufgehen, und ... und jeden Tag erwarte ich mehr ... mehr Farben, mehr Wärme, einfach mehr, ich kann nichts dagegen tun ...«
Eine Stimme ist am Handy, aber ich kann nicht antworten. Ich heule wie ein kleines Mädchen, und Luke heult mit.

*

Die ganze Zeit über habe ich den Brief bei mir getragen – tags in meiner Hosentasche, nachts unter meinem Kopfkissen. Mein Vater hat nicht viel geschrieben, aber ich denke, das, was er ins Papier gekratzt hat, ist alles, was er mir sagen wollte, was er mir sagen konnte. Ich blicke auf den zerknitterten Brief in meiner Linken, auf dem Für Sven steht.
»Gleiß vier: Einfahrt«, schallt es durch den Bahnhof, dann schiebt sich der Zug durch den Nebel da draußen vor meine Füße. Ich öffne den Umschlag: Ich kann nicht ändern, wie alles gelaufen ist. Wenn du soweit bist, hier meine Adresse ...
Ich atme tief ein, der Bahnhof riecht nach Zigarettenrauch und Urin; und nach Erde und Gras und Gemüse und Hannas Haaren – und nach meiner Mutter und Matthias Parfum und nach Spiegeleiern mit Marmelade.
Ich muss endlich wieder wissen, wie du aussiehst, Vater.



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