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Siebzehn

Ich stehe in der Küche und trinke zügig mein Tyskie-Flaschenbier, in großen Schlücken. Ich öffne und schließe den Kühlschrank, ich weiß nicht, was ich darin suche. Im Bad schalte ich das kleine Licht über dem Spiegel ein, putze mir gründlich die Zähne, benutze Zahnseide, feuchte mir die Hände unter dem Strahl des Wasserhahns an und fahre mir mehrmals durch die Haare.
Ich bin fast komplett schwarz gekleidet, dunkelgraue Hose, schwarzes T-Shirt mit V-Ausschnitt, darüber meine dünne, dunkle Seidenjacke. Ich gehe auf der Straße vor meiner Wohnung bloß um eine Ecke, dann biege ich ein. Sie sitzen am Tisch ganz hinten rechts; ich erkenne die beiden an ihren Gesichtern, obwohl ich sie noch nie gesehen habe. Hannes sitzt ihnen gegenüber, in der Ecke: Baskenkappe, Tunnels, Dreitagebart und kariertes Hemd. Er trinkt vom Bier, lacht, seine Hände vor sich auf dem Tisch gefaltet. Die Wirtin grüßt mich, als ich am Tresen vorbei nach hinten gehe, und ich hebe die Hand und grüße zurück. Tanzmusik schallt laut aus der Jukebox aus dem Nebenraum. Sie sehen mich mit großen Augen an, als ich vor ihnen stehe, mir die Jacke ausziehe, sie über den Stuhl hänge. Ich schüttle den beiden die Hand – ich sage: »Denis«, und sie lächeln zurück und sagen ihre Namen. Ich sehe das Kindliche, Weiche an ihren Gesichtern. Die eine ist stark geschminkt, mit den schwarzen Haaren zum Zopf. Die Andere, die Hintere, trägt blonde, offene, lockige Haare und keinerlei Make-up. Ihr Handgriff ist weich und zart, der der Dunkelhaarigen voller ruhigem Selbstvertrauen. Ich gebe Hannes die Hand. Ich setze mich. Ich bestelle ein Bier. Mein Mund ist trocken und meine Beine hibbeln herum, aber ich weiß, dass man mir es nicht ansieht. Auf der Eckbank am Tresen sitzen zwei Alte, mindestens fünfundsechzig Jahre, lachen und küssen sich offensiv mit Zunge. Die Wirtin hinter dem Tresen lacht auf und macht eine abfällige Handbewegung in ihre Richtung. Alle lachen. Ich drehe mich zurück zum Tisch und frage die Dunkelhaarige, woher sie sich alle kennen, obwohl ich es schon weiß. Mein Bier kommt. Die Wirtin ist höchstens eins sechzig groß und hat das Gesicht einer Frau, die zu häufig trinkt und danach zu oft das Essen vergisst. Sie hat lange, braunblonde Haare zum Mittelscheitel und leuchtend blaue Augen. Ihre Stimme ist so laut und kratzig, dass ich sie durch den ganzen Raum höre, aber da ist auch etwas Trauriges, Sinnliches an ihr, und aus irgendeinem Grund hat sie plötzlich für mich auch das Gesicht einer Frau, die zu häufig weint und zu häufig schreit.
Die Dunkelhaarige und mein Kumpel werden Physiotherapeuten, und darüber reden wir. Er brach das Studium ab, kurz vor mir, und dann zog er weg und seitdem geht er in diese Schule. Am Telefon sagte er, er sei beinahe der Älteste dort, und dass die Hälfte seiner Klassenkameraden keine achtzehn seien. Er sagte das ganz neutral, und damals, am Hörer, hatte ich das Gefühl, er sei auf eine seltsame Art einsam; als ob er immer einsamer würde, je mehr er wieder unter Leute käme.
Wir stoßen alle mit unseren Bierkrügen an, das zweite oder dritte Mal schon. Die Dunkelhaarige erwähnt ihren Freund, und ich weiß nicht, ob das Absicht ist. Aus dem Augenwinkel merke ich, wie das blonde Mädchen mir in die Augen sieht. Als ich zurückblicke, sieht sie weg. Ihre Freundin erzählt von den Leuten in der Schule, und dass sie mit niemandem etwas anfangen könne.
Hannes sagt: »Aber bei dir ist das ja auch was ganz anderes.«
Ich habe meine Beine überschlagen und den Bierkrug auf meinem Schoß. Ich blicke zu dem blonden Mädchen und frage sie, was sie macht, und ich weiß es tatsächlich nicht. Er schrieb mir Anfang der Woche, dass sie kommen würden. Am Telefon hatte er mir von einem Mädchen erzählt, das so sei wie ich. Sie würde nächtliche Spaziergänge machen, Gedichte schreiben und einen Haufen Instrumente spielen. Ich habe seit Jahren kein Instrument mehr gespielt. Ich schreibe keine Gedichte, und wenn doch, dann nenne ich sie nicht so. Ich denke daran, wie ich mich im Spiegel anblicke und mit den wassernassen Händen durch die Haare fahre.
Sie sagt das Wort: »Realschule«, und ich schiebe mein Bierkrug hin und her, schaue auf die kleinen Kondenstropfen außen am Glas. Ich kaue kurz mit meinem Kiefer herum. Ich hätte gerne Kaugummis in meiner Hosentasche, aber immer, wenn ich im Supermarkt vor dem Regal stehe, entscheide ich mich dagegen. Ich trinke vom Bier. Sie sagt, sie sei mehrmals durchgefallen, und lächelt erst mich an, dann kurz und ein wenig nervös zu Hannes. Sie sagt, sie möchte eine Ausbildung zur Landschaftsplanerin machen, und ich sage, ich sei auch mehrmals durchgefallen, in der Achten und der Zwölften. Ich denke daran zurück, und ich denke an Einsamkeit, und dann denke ich an die Wirtin, und wie sie aussehen muss, wenn sie schreit. Das Mädchen grinst und sagt, dass sie letzte Woche einen Verweis bekommen hätte. Niemand fragt, ihre Freundin blickt nachdenklich in die Ecke, und dann sage ich, dass ich einige Verweise bekommen hätte, fünf oder sechs, und dass ich mich gar nicht an alle Vergehen erinnern würde. Ich fühle mich etwas schlecht dabei, aber nicht wegen den Verweisen. Ich brauche einen Augenblick, dann rede ich weiter, sage: »Ich hab die Schule gehasst«, und trinke aus meinem Krug. Ich sage: »Ich bin so froh, dass ich da raus bin«, und das blonde Mädchen blickt mich an, und dann lächelt sie zurück. Ihre Haare stehen ihr vereinzelt kraus vom Kopf, und ihre Augen sind seltsam hell und weich blau. Sie trägt einen schwarzen Kapuzenpullover, ein Bandshirt, und ihre Zähne sind vom selben milchigen Kalkweiß wie ihre Haut. Hannes hat mir am Telefon erzählt, dass ihr Vater gestorben sei, und dass sie sich genauso aufführen würde wie ich, als meine Tante gestorben ist. Letzteres sagte er nicht, sondern er sagte: »Und sie ist genauso wie du.«
Ich sagte Hannes damals am Hörer, dass ich das für eine schlechte Idee halte und unangebracht fände. Aber er ließ nicht mit sich reden, er sagte, es sei abgeklärt. Er sagte, auf ein Bier könne ich wohl runterkommen. Er sagte, sie wollen mich kennenlernen, und sie wären enttäuscht, wenn ich oben bliebe.

Ich wache auf, weil ich jemanden sich drehen und husten höre. Mein Zimmer riecht nach kaltem Rauch, obwohl wir hier nicht geraucht haben. Die blasse morgendliche Sonne fällt durch mein großes Fenster. Ein Auto oder Bus fährt auf der Straße vorbei, meine Heizung vibriert jedes Mal klappernd mit, wenn das Gewicht des Fahrzeugs zu groß ist. Ich setze mich auf die Bettkante und fahre mir durch die Haare. Ich stehe auf, bücke mich über den Schreibtisch und kippe das Fenster. Hannes und die Dunkelhaarige liegen Rücken an Rücken auf dem Boden vor mir, zwischen Bett und der mit Bücherstapeln vollgestellten Couch. Ich habe ein Poster von Hemingway an meiner Wand hängen, wie er mit Boxhandschuhen abwägend dasteht. Daneben hängen alte, zerkratzte, auf Holzrahmen gedruckte Gemälde, die ich auf verschiedenen Flohmärkten gekauft habe. Ihre nackten Füße hängen unter meiner Bettdecke hervor, und einen Moment blicke ich auf ihre Fußsohlen. Ihre Haut dort ist rosa, nicht wie sonst schneeweiß, und ich sehe die blonden, gelockten Haare ihres Hinterkopfes, der Rest ist in meine Decke eingerollt. Sie hat sich einen Zopf gebunden, bevor sie schlafen ging.

Die Dunkelhaarige und Hannes gehen in die Küche und kochen Kaffee. Ich höre sie reden und lachen und Teller klappern und das saugende Geräusch der Kühlschranktür. Wir liegen im Bett. Es ist nicht seltsam. Ich habe meinen Arm um sie und sie liegt mit ihrer Backe auf meiner Brust. Ich spüre ihre Hand, und dann sage ich: »Lass uns Kaffee trinken.«
Als sie sich auf die Bettkante setzt, lacht sie kurz, von der Seite sehe ich ihr Lächeln. Sie löst den Gummi aus ihren Haaren und verknotet ihn neu. Sie trägt noch das Band-Shirt. An ihrem linken Unterarm sehe ich ein rechteckiges, großes, weißes Pflaster. Es bedeckt nicht alles, und kurz denke ich nach, aber ich bin mir sicher, sie hatte den ganzen Abend ihren Pulli an, die Ärmel nie zurückgezogen. Ich denke daran, wie ich neben der Dunkelhaarigen gesessen war, der Blick ihrer Freundin von der Seite; und sie fragte mich: »Rate mal.«
Ich dachte nach und ich sah wie die Dunkelhaarige hoffte, ich würde etwas anderes sagen. Aber ich wollte nicht lügen, also sagte ich: »Siebzehn«, und nach einer Sekunde nickte sie, lächelte etwas enttäuscht und sagte: »Stimmt.«

Ich arbeite seit zwei Sommern in einer Tankstelle. Ich bin noch immer in der Uni eingeschrieben, wegen der einfachen Krankenversicherung. Es ist nicht schlimm. Ich will es so. Manchmal denke ich, dass dieses viele Sitzen und Blättern und Zuhören und Nachschlagen und Stillsein einen merkwürdigen Teil von mir mit zum Wachsen brachte. Ich will mich nicht beschweren. Ich bin nicht in der Stimmung, mich zu beschweren. Ich mochte es schon immer, etwas mit meinen Händen zu tun. Es beruhigt mich auf eine seltsame, tiefgreifende Art, an die vielleicht nur noch der ehrliche Kuss einer schönen Frau herankommt. Meine Hände und der ehrliche Kuss einer schönen Frau. Ich stelle die Geräte ein, nehme die Backwaren, Getränke, Snacks und Zeitschriften vom Lieferanten an, fülle die Regale auf, kassiere ab und helfe ratlosen Kunden, die mir von den Macken ihrer Autos erzählen oder sich nicht zwischen zwei Zigarettenpapieren entscheiden können. Ölwechsel?, sage ich. Da müssen Sie mal den Service kontaktieren, sage ich, könnte der Vergaser sein. Aber ich bin ja kein Fachmann. Der Auspuff oder der Vergaser, und nach den Wintern sind es immer die Batterien, Lichtmaschinen oder Keilriemen. OCB sind dünner, aber Canuma brennen schöner ab, sage ich. Dazwischen sitze ich mit meinem Handy oder einem Magazin über Schrotflinten und Treibjagd auf dem Drehstuhl hinter der Kasse.

An meiner Wohnungstür im Treppenhaus verabschieden wir die Mädchen. Förmliche Umarmungen, aber da ist schon etwas Vertrautes. Die Dunkelhaarige ist wieder geschminkt. Vor meiner Tür stehen Schuhe, ein halbes, auseinandergebautes Regal und blaue und gelbe Müllsäcke, leere Spezi-Flaschen. Sie drehen sich nicht um, als sie die Treppe hinabgehen. Die Dunkelhaarige trägt flache Sneakers und eine goldene Handtasche, die Blonde Vans und einen bedruckten, grauen Jute-Beutel. Sie haben sich die Jeans bis zu den Knöcheln hochgeschlagen. Sie kichern und sie schnattern, dann fällt unten die Tür ins Schloss. In der Küche sehe ich, dass sie nur an ihrem Kaffee genippt haben. Ich denke an das Kindliche, Weiche an ihren Gesichtern. An das Make-up und die dunkel geschminkten Augen. Da ist etwas in mir; aber warum?
Hannes sagt: »Schreibst du gerade an was?«, und ich schüttle den Kopf, obwohl ich gar nicht über seine Frage nachdenke. Wir drehen uns einen dicken Joint, ich habe noch etwas Kanten, dann klettern wir durch mein Küchenfenster auf das mit Kieselsteinen bedeckte Flachdach. Ich nenne es »mein Balkon«, und ich habe dort draußen einen verrosteten, kleinen Tisch und zwei Klappstühle stehen. Die Sonne scheint. Frischer Wind. Ein Frühlingstag. Wir reden nicht über den Abend oder die Mädchen oder das weiße, rechteckige Pflaster, an das ich noch immer denke, sondern sitzen einfach nur mit geschlossenen Augen und ausgestreckten Beinen da und schweigen. Unten im Nachbargarten spielt ein Mädchen, ihr Vater kniet auf dem Rasen und streicht eine Holzbank. Ich rieche den Geruch des Lackes. Eine Taube. Kirchenglocken läuten.

Ich denke daran zurück, als ich so alt war: siebzehn. Ich war in ein Mädchen verliebt, das nie ein Wort mit mir gewechselt hat. Sie saß ganz hinten rechts in der Klasse, und ich in der vorletzten Reihe links. Sie hatte rabenschwarzes Haar und trug immer einen Dutt, manchmal auch weite Jogging-Hosen. Sie hatte auf eine seltsame Art dicke Backen, obwohl sie ansonsten äußerst dünn war. Sie hatte jede Menge Sommersprossen und eine Lücke zwischen den unteren Schneidezähnen. Nach dem ersten Schultag an der neuen Schule stand ich am Fahrrad-Parkplatz und schloss gerade mein Moped auf, den Helm in der Hand. Sie lief mit ihren Freundinnen vorbei, sah mich an, und winkte mir lächelnd zu. Ich hob die Hand, dann zog ich mir den Helm über, setzte mich auf den Sattel und sah den Mädchen hinterher. Sie hatte mir nie wieder gewunken und lange Zeit kein Wort mehr mit mir gewechselt, aber um mich war’s geschehen. Manchmal war ich mir nicht sicher, ob sie an jenem ersten Schultag nicht jemand anderem gewunken hatte, aber da war weit und breit niemand in meiner Nähe. Ich habe die Schule gehasst, und manchmal war das einzige, das mich morgens aus dem Bett brachte das Versprechen, sie später im Klassenzimmer ein paar Mal anblicken zu dürfen.

Ich fahre zum Grab meiner Tante. Es fällt mir nicht mehr so schwer, hier her zu kommen. Trotzdem ist es jedes Mal eine Überwindung. Da sind Dinge in mir, die zwar von Jahr zu Jahr an Intensität verlieren, aber niemals ganz verschwinden. Ich steige auf dem Kieselstein-Parkplatz vor dem Tor aus dem Wagen. Ich fahre noch immer ihren alten, grauen Opel Vectra. Er läuft wie geschmiert. Keine einzige Panne bis jetzt, auch wenn ich auf der Autobahn nie über hundertzwanzig komme. Auf dem Armaturenbrett blinkt seit einem Jahr ein Licht, aber weder ich noch Ramil von der Service-Werkstatt hinter der Tankstelle kommen dahinter, was das ist. Ich glaube, ich kippe mehr Kühlwasser in den Motorblock als irgend ein anderer Mensch auf dem Planeten, mindestens alle zwei, drei Wochen einen halben Liter.
Ich habe ihr eine Baumbestattung eingerichtet, damals. Ich war ihr letzter Verwandter. Da gibt es noch irgendwelche Großcousinen und -cousins im Osten, aber ich habe sie nie kennengelernt. Ihre Urne ist unter einem Lindenbaum begraben. Bäume mochte sie immer besonders. Sie hätte es so gewollt, denke ich. Ich heule jedes Mal auf dem Weg vom Friedhof-Tor zum Baum, dann legt sich eine seltsame Ruhe über mich. Ich laufe zum Baum, halte kurz meine Hand an seine Rinde. Seitdem ich dort selbst jemanden liegen habe, verstehe ich das Konzept des Friedhofs. Es geht nicht nur um Frieden für die Verstorbenen, sondern auch um Frieden für einen selbst. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um zu ihrem Grab zu gehen. Als ich schließlich vor ihm stand, legte sich das erste Mal diese tiefe Ruhe über mich. Danach ging es mir besser.

Ich fahre in den Ort, in dem das Mädchen auf die Realschule geht. Ich weiß nicht, wieso. Der Himmel ist hellblau. Die Sonne scheint. Ich blicke auf die Autoradio-Anzeige: 12:36. Es ist nicht meine Stadt. Es ist ein Dorf in der Nähe, und ich war verwundert, dass sie eine eigene Realschule betreiben. Google-Maps. Ist das komisch? Ich habe erst abends wieder Schicht. Es ist drei Tage her, seitdem ich das weiße, rechteckige Pflaster auf ihrem Unterarm gesehen habe.
Ein paar Mal in der Woche reißt es mich nachts aus dem Schlaf, so wie starke Bauchschmerzen oder große Übelkeit einen aus dem Schlaf reißen können. Ich wache dann auf und mein Herz rast. Da brennt dieses tiefe Gefühl der Einsamkeit und der Traurigkeit in mir. Ich schwitze dann wie verrückt. Ich setze mich auf die Bettkante und schnaufe ein paar Mal tief ein und aus, fahre mir durch die Haare. Wenn ich liegen bleibe und das Nachdenken anfange, zerreißt es mich, das weiß ich. Ich habe das seltsame Gefühl zu fallen, aber mir ist nicht schwindelig. Die Welt ist ein anderer Ort. Ich atme tief ein und aus und denke: Wenn es so bleibt, sterbe ich. Aber ich weiß, dass es besser wird, dass das Gefühl vergeht. Ich muss nur etwas dasitzen und atmen. Es vergeht immer.

Ich sehe die Schüler aus dem Schulgebäude laufen. Natürlich komme ich mir dämlich vor. Ist das strafbar? Was wissen die dämlichen Leute von Richter schon. Ich stehe neben dem Wagen, die Tür geöffnet, meine Arme und mein Kinn auf dem Dach liegend. Kinder. Manche schauen mich an, und ich schaue weg. Sie läuft als einer der letzten aus dem Gebäude. Sie trägt wieder einen blonden Zopf, weiße Kopfhörer in den Ohren. Sie drückt auf ihrem Handy herum, den Rucksack über eine Schulter. Sie kommt mir noch jünger, kindlicher vor, aber ich verdränge den Gedanken. Sie trägt eine braune Stoffhose und einen viel zu weiten, schwarzen Kapuzen-Zipper. Fast will ich einsteigen und einfach nach Hause fahren, da schaut sie in meine Richtung. Sie sieht noch mal zu mir, dann bleibt sie stehen. Ich hebe die Hand. Sie blickt vor, in die Richtung, in die die anderen Schüler gegangen sind. Dann grinst sie und läuft über die Straße. Sie sieht dünn aus und irgendwie errötet und gleichzeitig blass.
»Denis?«, sagt sie ungläubig und grinst noch immer. Plötzlich habe ich alles vergessen, was ich sagen wollte. Was wollte ich sagen? Sie geht um das Auto herum und wir umarmen uns. Förmlich. Viel förmlicher als im Treppenhaus. Ich sehe sie an und ich komme mir dumm vor. Ich versuche nicht so zu wirken, als ob ich mich dumm fühlen würde. Leute merken nie, wenn ich mich dumm fühle. Ich habe ein breites Kreuz und dieses Gesicht; in der sechsten Klasse war ich das Opfer eines großen Jungen, er war schon dreizehn. Zwei Tage schubste er mich über den Pausenhof, am dritten schlug ich ihn bewusstlos. Ich hatte einfach ausgeholt. Ich hatte den Schlag zuhause geübt, vor dem Spiegel. Jemanden bewusstlos zu schlagen ist einfacher als man glaubt. Der Junge lag regungslos auf dem Boden und alle Kinder um mir herum sahen mich an. Keiner rührte sich. Der komplette Pausenhof stand still. Niemand außer den Lehrern war mir böse. Nie wieder hat mich jemand so behandelt, selbst als der Schlag lange vergessen war. Manchmal denke ich, dass mit diesem Schlag etwas in mir geboren wurde, das bis heute in mir existiert: in meinem Gesicht, meinen Bewegungen und meinem Gang. Es war mein erster Verweis.

Wir fahren mit dem Auto durch das Dorf, dann auf der Landstraße. Sie sagt, sie kenne einen schönen Ort. Ich frage sie, ob sie nicht vermisst wird, und sie sagt: »Nee.« Wir reden kaum während der Fahrt. Ich stelle das Radio etwas lauter, aber es bleibt unangenehm.
Als wir vor dem Waldstück anhalten, ist plötzlich klar, was passiert. Niemand sagt oder tut etwas. Wir sitzen schweigend nebeneinander, schauen durch die Windschutzscheibe. Das Radio ist aus. Das Licht am Armaturenbrett blinkt. Es ist ein schöner Ort: abfallende Wiesen, Äcker, die goldene Sonne und Schatten von Wolken. Hinter uns die hohen Bäume eines Waldes, als sei das ein einziges, großes Wesen: ein Organismus. Sie legt ihre Hand auf meinen Oberschenkel und ich drehe mich zu ihr. Ich spüre ihre weichen Lippen, fasse sie an. Ihr heißer Atem. Ihr Geruch, weiche Haut. Ich klappe den Sitz nach hinten. Ich spüre die Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen. Alles an ihr ist weich. Hinter uns ist ein Feldweg, und ich schaue kurz raus. Ich ziehe meine dünne, dunkle Seidenjacke und mein T-Shirt aus. Haut auf Haut. Das erste Stöhnen beim Eindringen. Ich verhüte nicht. Ich weiß, dass das dumm ist, aber ich kann nicht aufhören.

Wir liegen nackt und verschwitzt auf dem Beifahrersitz. Sie streift sich durch die Haare. Sie legt sich zurück, fährt mir durch meine Brusthaare und lacht kurz auf. »Was war das?«, sagt sie.
»Keine Ahnung«, sage ich und lache auch. Sie setzt sich auf. Ich streiche über ihren nackten Rücken. Er ist schneeweiß.

Wir gehen durch hüfthohe Wiesen. Das Auto steht weit hinter mir. Ich drehe mich um, halte meine Handfläche abschirmend an die Stirn, sehe zu meinem Wagen. Ich sehe den Wald dahinter: die hohen Bäume, das Dach aus Ästen und Blättern. Das Dunkel zwischen den Stämmen. Sie geht vor mir. Sie hat die Kapuze ihres Zippers über den Kopf gezogen und dreht sich lächelnd um. »Komm«, sagt sie und streckt ihre Hand aus. Sie hat das Lächeln eines Kindes, aber die Hände und Haare einer Frau. Wir gehen ein Stück. Plötzlich bleibe ich stehen, noch mit ihrer Hand in meiner. »Meine Eltern sind gestorben«, sage ich. Ihr Lächeln legt sich, und da ist etwas an ihrem Gesicht. »Als ich zwei war«, sage ich. »Bei einem Autounfall. Mein Vater war Däne. Sie wollten da auf irgendeine Hochzeit hoch, nach Vejen. Mein Vater war Trauzeuge, und sie wollten unbedingt hin.«
Sie blickt mich an und ich sehe, dass da etwas in ihr aufsteigt. Ich denke: Sie ist kein Kind. Ich denke: Ich bin ein Kind. Ich denke: Wir alle sind Kinder. Wie alt bin ich?
Sie dreht sich um und schaut in die Ferne. Ein Baum dort vorne, ein Feldweg, dahinter eine Landstraße, sandkorngroße Wagen, die geräuschlos dahinziehen. Der Wind in ihren Haaren. Der Geruch von Gräsern, von feuchter Erde. Wir gehen weiter, ohne zu sprechen. Ich habe meine Hände bei mir. Sie blickt vor sich, streift sich eine Strähne hinters Ohr. Ihre Ärmel zurückgezogen, das weiße, große Pflaster. Die Schnitte, die links und rechts darunter hervorlugen. Linien wie aus Wut gezogen, ohne Symmetrie. Das Leben hat keinen Sinn. Ich habe keinen Sinn. Die ewige Frage nach dem Sinn, und das Gefühl des Fallens, wenn man hinter den Spiegel sieht und nichts dort findet. Endlose Dunkelheit im Universum. Alle Menschen Mörder. Wut über etwas, das man nicht greifen kann. Vielleicht über das große Ganze, über all die Dunkelheit da draußen. Es gibt Leute, die töten sich aus Angst vor dem Tod.
Ihre Mutter sei ein Eso-Freak, sagt sie. Mein Wagen ist jetzt so weit weg, dass er selbst ein Sandkorn ist. Ihr Stiefvater sei die dümmste Person, die sie je gekannt hat, sagt sie. Ich nicke, mit den Händen in meinen Jackentaschen. Ihr Vater sei gestorben, vor vier Wochen, in China. Er hat dort zehn Jahre gelebt, hatte dort eine andere Frau. Ihre Mutter lade manchmal Leute aus dem Internet ein, wildfremde, und dann atmen sie gemeinsam unter dem Dach, im Chor, und dann sprechen sie ihre Wünsche zum Universum. Ihre Mutter meine, sie trage Lasten aus einem früheren Leben in sich. Sie meine, ihre Musik nähre diese Dunkelheit in ihr. Sie sieht kurz zu mir, als müsse sie sich entschuldigen. Ihre Augen sind glasig und groß und ihr Gesicht ist sehr rot. Sie fährt sich über die Augen, dann nimmt sie wieder meine Hand.

Ich kaufe uns Milk-Shakes, Erdbeere. Wir trinken sie auf dem Parkplatz hinter McDonald’s. Ich sage, Milk-Shakes waren lange Zeit das einzige, was mich wirklich beruhigen konnte. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Manchmal erzähle ich solche Dinge und sie haben nie stattgefunden. Aber auf eine Art sind sie wahrer als all das, was wirklich stattgefunden hat. Ich sage, ich hätte mal einen Verweis bekommen, weil ich morgens auf dem Schulweg in McDonald’s gegangen sei und bis zum Nachmittags-Bus dort geblieben sei. Ich hätte fünf oder sechs Milk-Shakes getrunken, wäre die Rutsche ein paar Mal herunter gerutscht und hätte mir ansonsten das TV-Programm dort angesehen.

Ich halte direkt vor ihrem Haus. Es ist größer, als ich dachte. Es ist ein senfgelb gestrichenes Bauernhaus mit tibetischen Fahnen im Garten. Eine Schaukel, ein Gewächshaus. Der Kopf ihrer Mutter am Küchenfenster.
»Also gut«, sage ich und sehe sie an. Da ist etwas Skeptisches an ihrem Blick, ihrem Lächeln. Ihre Augen sind noch rot, den Rucksack hält sie umklammert auf ihrem Schoß. Ein letzter Kuss, dann öffnet sie die Tür. Die Mutter eine breite Frau mit dicker Brille und den Händen in die Hüfte gestemmt. Ein seltsamer Gang, als sie auf das Haus zuläuft. Hundegebell in der Nachbarschaft.



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